Vom Trauma zur PTBS 

    Traumatische Ereignisse kommen oft aus dem Nichts. Und verändern alles. Bestimmte Berufsgruppen wie Bahnmitarbeitende, Polizisten und Polizistinnen oder notärztliches Personal sind besonders betroffen. Aber nicht nur. Das Leid, das ein Trauma verursachen kann, bleibt für andere oft unsichtbar. Und doch wirkt es tief in Familien ein. Drei Betroffene erzählen.

    Enrico K.

    5. Januar 2024, 18.28 Uhr, ein vollbesetzter Doppelstockwagen: Enrico K. kontrolliert gemeinsam mit einer Auszubildenden die Fahrkarten. Handys werden gezückt, ein kurzer Blick, weiter. Eigentlich Routine. Doch an diesem Abend stockt der Ablauf. 

    Bei einer Gruppe Männer zeigt das Prüfgerät an, dass die Tickets vor null Minuten kontrolliert worden waren. Die Auszubildende zeigt Enrico das Prüfgerät. Waren das Screenshots?, überlegt er. Enrico K. spricht die Männer an: „Meine Herren, hier scheint etwas nicht in Ordnung zu sein, das müssten wir mal besprechen.“ 

    Dann, so beschreibt es Enrico, rollte ein Tsunami der Gewalt über ihn. Einer der Männer springt auf. Nasenspitzen berühren sich. Eine Faust fliegt an ihm vorbei. Filmriss. Gemeinsam mit der Auszubildenden verlässt er fluchtartig das Abteil. Er informiert erst den Lokführer, dann die Polizei. Das weiß er noch. Die wartet am nächsten Halt. Für die Beamten sind die Männer keine Unbekannten. Personalien werden aufgenommen. Am Abend kommt er früher als üblich nach Hause. Erst am nächsten Tag erzählt er seiner Frau, was passiert ist. Sie beschließen, den beiden Töchtern nichts zu sagen.

    Traumata beginnen oft abrupt. Ihr Gift aber wirkt erst allmählich.

    Wie ein Trauma entsteht

    Jeder zweite Mensch erlebt im Laufe seines Lebens etwas, das ihn oder sie zutiefst erschüttert; weil Krieg ist, weil man ein Erdbeben miterlebt, einen schweren Unfall, Missbrauch erlebte oder weil man Gewalt erlebt, so wie Enrico K. Das Erlebte wirkt auf den Körper ein, und dieser antwortet mit akuten Belastungsreaktionen: Manche Menschen fühlen plötzlich nichts mehr, andere sind übererregt, wieder andere sind wie erstarrt. Enrico wälzte sich in der Nacht unablässig im Bett herum, erzählt seine Frau Manuela. Er selbst sagt: „Du hast das Gefühl, du verlässt den eigenen Körper. Du löst dich innerlich auf.“ Auch Erinnerungslücken können eine Antwort auf das Erlebte sein. 

    Einige Menschen verarbeiten das Erlebte innerhalb weniger Tage und Wochen, sodass sie bald wieder in ihr altes Leben zurückfinden. Bei anderen Menschen hält das Trauma an. Neue Symptome können hinzukommen, andere verblassen. Bleiben die Symptome mehr als vier Wochen, liegt der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung vor, kurz PTBS genannt. Wenn dann auch noch die Leistungsfähigkeit in wichtigen Lebensbereichen eingeschränkt ist, sind die Kriterien für diese Diagnose erfüllt.

    So kommt es zu einer PTBS

    Je nach Quelle entwickeln zwischen 2 und 9 Prozent der Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine posttraumatische Belastungsstörung. Frauen erhalten die Diagnose etwa doppelt bis vier Mal so häufig. Besonders menschengemachte Traumata, wenn also ein Mensch einen anderen attackiert und ihm Gewalt antut, führen zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, so wie sie auch Enrico K. erleben musste.

    Selbst wenn ein traumatisierter Mensch keine PTBS entwickelt, haben traumatisierte Menschen ein deutlich erhöhtes Risiko für verschiedene psychische Störungen. Das können Depressionen sein, Angststörungen, das kann selbstverletzendes Verhalten sein oder auch Suchtmittelmissbrauch bis hin zu Suizid. Und: 20 Prozent der Menschen, die eine PTBS haben, entwickeln außerdem eine Depression.

     Nicht immer erkennen traumatisierte Menschen, dass sie eine PTBS haben. Sie haben zwar Symptome, doch PTBS zeigt sich nicht so offensichtlich wie ein offener Bruch. Das Gift wirkt unsichtbar. Menschen funktionieren weiter, erledigen, was erledigt werden muss, gehen arbeiten.

    So wie Enrico M.

    Als Kind reiste er mit seiner Mutter nach Bulgarien. „Für einen Bengel wie mich war das was Großes“, sagt er. Fortan träumte er davon, für die Bahn zu arbeiten. Er wird Zugbegleiter. Was folgt, ist ein Berufsleben zwischen Normalität und Ausnahmezustand. 

    Ein drogenabhängiger Fahrgast etwa schlägt auf ihn ein, Enrico M. kommt mit den Körperflüssigkeiten des Angreifers in Kontakt. Monate der Angst folgen: Hatte er sich nun womöglich mit dem Hepatitisvirus oder HIV angesteckt? Ein anderes Mal eskaliert ein Streit zwischen zwei Reisenden. Einer der Männer sticht auf den anderen ein. Enrico fängt ihn auf, hält den Zusammensackenden, während das Blut fließt. „So viel Blut“, sagt er. Drei Suizide erlebt er im Dienst. Es sind keine kleinen Ausreißer, sondern wiederkehrende Extreme. Ereignisse, die sich addieren. Bis der Körper ganz unterschwellig darauf zu reagieren beginnt. Nachts kratzt er sich immer wieder wund. „Ich habe mich körperlich nicht krank gefühlt“, erzählt er. „Bis auf die Schlafstörungen, aber das schob ich auf den Schichtdienst.“

    Enrico M. funktioniert weiter. Bis nichts mehr geht. Bis ein Arzt die Diagnose stellt: posttraumatische Belastungsstörung. Behandeln könne der Arzt ihn nicht wirklich, sagt er ihm. Zu komplex. Stabilisieren vielleicht. Die Diagnose bleibt abstrakt, bis sich etwas verschiebt. Er zieht sich zurück. Fährt zu seiner Familie, bleibt dort. In der Ruhe drängen sich die Erinnerungen auf. Flashbacks. Bilder, die nicht mehr zu verdrängen sind. Flashbacks sind ein typisches Merkmal einer PTBS. Auch Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und emotionale Abgestumpftheit können dazugehören, ebenso wie Albträume und Vermeidungsverhalten. Bei Enrico M. ist es der Moment, in dem er erkennt: Das funktioniert so nicht weiter. Er sucht sich Hilfe. Monate werden zu Jahren.

    Anett

    Anett wurde von niemandem bedroht. Und niemand schlug sie. Ihr Tsunami war eine schwere Erkrankung und ist ein Gesundheitssystem, das den Menschen als Summe seiner Organe versteht, die es reparieren möchte. Das aber blind ist für die seelischen Nöte seiner Patienten und Patientinnen. 

    Als sie erfährt, dass sie an einer schweren Herzerkrankung leidet und jederzeit an einem plötzlichen Herztod sterben könnte, legt sie sich auf den Boden der Arztpraxis. Die Welt kippt. Die Reaktion der Ärztin: Sie solle sich auf eine Liege legen. 

    Was folgt, ist ein Kampf gegen die Erkrankung. Aber nicht nur das. „Das Herz ist ja völlig ausgeleiert, dass das überhaupt noch schlägt“, bemerkt einer. Ein anderer sagt: „Ui, wenn das so weitergeht.“ Ärztinnen und Ärzte sprechen über ihren Kopf hinweg. „Als würde man einem Techniker zuhören, der ein defektes Gerät bespricht – nur dass das defekte Gerät mein Herz ist“, sagt Anett. Nie sprechen sie mit ihr und über Heilungschancen. Anett wird zur Fallnummer, und als Nummer wird sie fortan aufgeführt. Sie wehrt sich, möchte als Mensch mit Namen gesehen werden. Die Antwort: Das verbietet der Datenschutz. Die Krankheit zieht ihr den Boden unter den Füßen weg, doch die Entmenschlichung traumatisiert sie. Mehr noch: „Du bist gerade dabei, mit dem Fakt klarzukommen, dass du todkrank bist. Sich dann selbst noch die seelische Unterstützung zu organisieren, das war zutiefst zermürbend“, sagt sie.

    Eine PTBS sitzt nicht nur im Körper.

    Sie gräbt sich in die Seele, unterminiert das Vertrauen, setzt sich im Alltag fest und frisst sich in Beziehungen. Anetts Diagnose setzt nicht nur bei ihr etwas in Gang „Als Partner erlebst du das alles ja mit. Du spürst deine Frau, du spürst dich selbst, du spürst die Beziehung und das Kind. Und trotzdem musst du irgendwie funktionieren“, sagt Partner Michael. 

    Die Familie bangt um die Lebensgefährtin und Mutter. Kämpft und ringt mit. Doch in Krankenhäusern, in Wartezimmern und in OPs interessiert das nicht. Das Herz wird behandelt – und stabilisiert sich. Doch die seelische Erschütterung hallt weiter. Vorfreude, sagt Anett, empfinde sie nicht mehr wie früher.

     

    Eine PTBS isoliert. 

    Betroffene ziehen sich zurück. Enrico K. fing an, Menschenmengen zu meiden. Nach einem weiteren Vorfall flieht er zu seinem kleinen Wochenendgrundstück. Seine Frau bleibt zurück, besorgt, zunehmend belastet. Nähe wird zur Reibungsfläche. „Wenn man zu viel aufeinanderhängt, kommt es auch zu Konflikten“, sagt sie. Davor kann auch Liebe nicht schützen. Und Michael sagt: „Als Partner übernimmt man ja manchmal auch eine Schutzfunktion: Man traut sich nicht, bestimmte Dinge auszusprechen, weil man Angst hat, etwas zu triggern.“

    Eine PTBS macht stumm. 

    Vielen Betroffenen fehlen die Worte, zu beschreiben, wie sie sich fühlen. Das Trauma macht sie sprachlos. Auch Enrico M. wollte erst nichts erzählen, er wollte die Worte nicht finden müssen für das, was er erleben musste. Heute sagt er: „Reden ist das Wichtigste.“ Er fügt an: „Geteiltes Leid ist halbes Leid – das klingt abgedroschen, aber es stimmt. Und ich verarbeite die Dinge heute schneller. Nicht weil sie weniger schlimm sind. Sondern weil ich gelernt habe, wie.“

    Eine PTBS raubt Lebensqualität.

    Und deshalb sind Therapie und Hilfe so wichtig. Auch für Angehörige. Wenn Sie betroffen sind: Sie sind nicht allein. Holen Sie sich Hilfe. Zögern Sie nicht.

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